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Teil 1: www.lostmemories.net
There was no reason for me to stay in the real world any longer. It was only holding me back. In the real world it no longer mattered whether I was there or not. When I realized that, I was no longer afraid of losing my body. (chisa_yomoda)
Das erste Mal, als ich einer anderen Person die Musik von yeule zeigte, war es Hochsommer und Sophie hatte das Cabriodach ihres Vaters runtergelassen. Wir fuhren zu einer Hausparty ihrer Freunde, die ich nicht kannte und wo ich nur spontan mitkam, weil ich gerade wieder irgendeine Lebenskrise hatte und Sophie mich unter Leute bringen wollte. Sie machte Charli XCX an, das Brat-Album war seit einer Woche draußen. Nach zwei Songs fragte sie mich, was ich momentan so hörte. Ich zeigte ihr Poison Arrow und Pixel Affection von yeules Debütalbum Serotonin II. Als die liefen, wurden meine Hände heiß und mein Atem ging schwer.
„Klingt cool“, meinte Sophie auf der Hälfte von Pixel Affection.
Ich sagte: „Das ist die einzige Musik, zu der ich mir vorstellen kann, zu tanzen.“
Sie musste lächeln. „Ja, das klingt wie Musik, zu der man in der Vorstellung tanzt.“
In den letzten Jahren hat sich eingebürgert, dass Sophie und ich uns ein- oder zweimal im Jahr sehen und auf dem neuesten Stand halten. Jedes Mal sagen wir, dass wir uns bald wieder treffen müssen – diesmal aber wirklich, bevor wieder ein halbes Jahr vergangen ist. Sophie und ich sind aus irgendeinem Grund immer mit Problemen zueinandergekommen. Mit Liebeskummer oder Beziehungskrisen oder Zukunftsängsten. Wir waren nie beste Freunde, oder so was. Wir waren nie unzertrennlich. Wir waren auch nie verliebt ineinander, obwohl wir es uns einmal für eine Zeit in der Mittelstufe kurz einredeten und auf den Abschlussball der neunten Klasse gingen, auf dem ich dann aber nicht tanzen wollte und das war auch der erste Abend, wo ich betrunken war und mich mit ihr stritt und Alex aus unserer Parallelklasse sich beim Tanzen das Bein brach und alle meine Freunde hatten ihr Haar zurückgegelt und rochen nach Paco Rabanne One Million.
Danach nahm unser Kontakt immer weiter ab, bis die Pandemie kam und alle mit einem Mal zuhause für die Abiprüfungen lernen mussten. In den Wochen, wo man kaum jemanden treffen durfte, verabredeten Sophie und ich uns über Skype und lernten für den Deutsch-LK oder schauten uns Serien über Synctube an. Das ist eine Seite, bei der man die YouTube-Player synchronisieren kann, sodass alles gleichzeitig spielt und wenn einer Pause drückt, stoppt das Video auch beim Gegenüber. Am meisten gefiel uns damals Serial Experiments Lain. Das ist ein Anime aus den ’90ern, bei dem die Protagonistin Lain Iwakura ein geheimnisvolles Computernetzwerk namens Wired entdeckt. Zu Beginn der Serie begeht eine Mitschülerin von Lain namens Chisa Yomoda Suizid, jedoch sendet ihr Wired-Account weiterhin Nachrichten an die Mädchen der Klasse. Lain stellt bald darauf fest, dass sie ebenfalls eine Doppelgängerin im Wired hat, die nach und nach im „echten“ Leben auftaucht.
Zumindest sind das die Dinge, an die ich mich erinnere, wobei Serial Experiments Lain sich eigentlich einer Inhaltsangabe entzieht. Der Plot, falls es überhaupt einen gibt, ist absolut zweitrangig zu den Bildern und der Atmosphäre. Die Figuren bewegen sich mit einer Leere. Beim Zuschauen erfährt man selbst, wie eine Trennung zwischen digitaler und realer Welt immer unmöglicher wird; die Dialoge der „echten“ Menschen sind viel abgehackter und maschineller, als die im Wired. Das ständige Dröhnen im Hintergrund klingt nach einer erschöpften Maschine, die unablässig schuftet, um die „Wirklichkeit“ zusammenzuhalten. Die roten Flecken in den Schatten erinnern zunächst an Blut, doch je länger man schaut, desto mehr wirken sie wie Grafikfehler, und die Abwesenheit von Hintergründen in der „echten“ Welt lassen den Eindruck entstehen, ein Computer hätte sie nicht fertig gerendert. Nachdem wir die Serie zu Ende geschaut hatten, schlug Sophie vor, eins von diesen Ending Explained-Videos zu gucken, aber ich hatte Angst, es würde die Atmosphäre zerstören, an der ich irgendwie festhalten wollte.
Als wir bei der Hausparty ankamen, stellte mir Sophie ihre Uni-Freunde vor und ich setzte mich neben ein paar Chemiestudis, die erklärten, was sie für ihre Bachelorarbeiten programmieren mussten. Ab und zu brummte ich ein bisschen, Psychologen nennen das aktives Zuhören, so mhm mhm, als würde ich etwas verstehen. Ich verstand natürlich gar nichts und hatte Schwierigkeiten, einen Faden wiederzufinden, von dem ich nicht wusste, wann ich ihn verloren hatte. Ich bekam so ein Gefühl, das ich manchmal habe, als hätte ich mein ganzes Leben mit einem Schlag vergessen. Ich konnte mich nur noch erinnern an die Autofahrt und wie Sophie meinte: „Klingt cool“ und dass man zu yeule in der Vorstellung tanzen kann und wie wir vier Jahre zuvor Serial Experiments Lain geguckt und im Voice Chat gesagt hatten: „Was zum Teufel passiert hier gerade?“
Das Gefühl von Realität kehrte erst zurück, als ich einige Stunden später angetrunken auf meine Bahn wartete und über Kopfhörer Reverie von yeule hörte. Die Haltestelle war hellblau beleuchtet und als ich ins Licht schaute und danach auf die Schatten der Bahnsteigkante, kamen mir die Nachbilder auf der Netzhaut vor wie die Dateifehler in den Schatten: die Blutlachen, durch die das Wired sich langsam in die Wirklichkeit schlich.
Reverie ist ein Song von Serotonin II und scheint von einer sich entfremdenden Beziehung zu handeln. Die erzählende Stimme weiß nicht, ob ihr Gegenüber ein Schatten ist, oder ein Geist. Der Song wurde zu meinem Lieblingslied, nachdem ich Blue Cat auf einem yeule-Konzert in Amsterdam traf, im Dezember 2023. Blue Cat stand vor mir in der Schlange, hatte langes, gebleichtes Haar in zwei Zöpfen und extrem viel Makeup im Gesicht, sodass man sich gar nicht vorstellen konnte, wie der ungeschminkte Mensch darunter aussehen mochte. Sie trug eine zerfledderte weiße Bluse und eine selbstgemachte Kette aus lilafarbenen und silbernen Perlen, zwischen denen kleine Steinchen REVERIE schwarz auf weiß buchstabierten. Nachdem wir reingelassen wurden in die Konzerthalle, ein altes Backsteinhaus namens Melkweg, wartete ich und stellte mich schließlich nach oben neben den Lichttechniker, da man von dort am besten sehen konnte.
Als yeule die Bühne betraten, fiel mir auf, dass ich deren Musik nun schon so lange hörte, jedoch nie ein Musikvideo gesehen hatte. Bis auf die Alben- und Singlecover hatte ich keine Ahnung, wie sie aussahen, und plötzlich standen sie da als eine Person im selben Raum wie ich, was irgendwie gruselig und gleichzeitig ein bisschen enttäuschend war. Sie sagten kein Wort zur Begrüßung und auch später keins zum Abschied. Das Konzert war dennoch sehr gut, und es wurden die besten Songs von Softscars gespielt: Sulky Baby, Ghosts, Software Update, x w x. Irgendwann schaute ich nach unten in die Menge und sah in der ersten Reihe einen ausgestreckten Arm in zerfleddertem, weißem Stoff. Blue Cat sang jedes Wort mit. Als zwischen zwei Liedern kurz Pause war, brüllte sie: „Play reverie!“
yeule lächelten verschüchtert und stimmten dann den letzten Song des Abends an: Dazies.
Der britische Psychoanalytiker Wilfred Bion nimmt an, dass ein Säugling bei seiner Geburt ein gewisses rohes Material mitbringt. Zum Beispiel hat er Hunger, kann das aber noch nicht als inneren Zustand benennen, nicht psychisieren; es ist einfach ein unangenehmes Etwas im Körper. Instinktiv schreit er, um dieses Etwas loszuwerden. Das ruft die Mutter herbei, welche nun den Prozess des Psychisierens für den Säugling übernimmt. Sie sagt: „Ah, Du hast Hunger“, und gibt ihm die Brust. Die Mutter nimmt also das Etwas wahr, hält es in sich und macht es weniger bedrohlich. Durch wiederholte Erfahrung dieser Beziehung entwickelt der Säugling allmählich die Fähigkeit, selbst das rohe Material umzuwandeln in Symbole, Träume, Fantasien oder Gedanken. Das Innenleben des Säuglings beginnt also nicht in ihm selbst, sondern in der Mutter. Sie muss erst unbewusst ein Innenleben träumen, was Bion Rêverie nennt, bevor das Kind dieses Innenleben nach und nach ausbildet.
Die zunächst spärliche, dann immer fulminantere Instrumentalisierung von Frank Sinatras My Way, die Bilder vom Mann im Anzug, der allein beleuchtet auf der Bühne singt, die YouTube-Kommentare alter Menschen, die das Lied als Soundtrack zur Rückschau auf ihr Leben verwenden – alles weist auf ein Bedürfnis hin, das eigene Leben als ein Kontinuum zu sehen, geprägt durch bescheidene Anfänge, aus denen man sich mit eigener Kraft hochgekämpft hat; wenn es einmal Hindernisse gab, hat man sie überwunden, um nun zurückblicken und lächeln zu können. Dieses imaginierte Lächeln des Einzelnen am Ende scheint all das Leid, das vorher war, zu rechtfertigen als eine mit Bravour bestandene Prüfung. Ein solches Bedürfnis, das den Fokus auf den letzten Moment legt, scheint verständlich vor dem Hintergrund einer Generation, die beim Erscheinen des Songs (1967) auf das bis dahin grausamste und gewalttätigste Jahrhundert der Menschheitsgeschichte zurückblickte. Dazu passt, dass der Song von einem mittzwanzigjährigen Paul Anka für eine Vorstellung vom alternden, triumphierenden Sinatra als sein Idol geschrieben wurde, während der „echte“ Sinatra derweil an Depressionen litt. His Way – wie Anka den Song heute singt –, der entschlossen dem Endpunkt zusteuernde Weg Sinatras, begann als Rückschau im Traum des Fans.
Eines der ersten Dinge, die mich an yeule faszinierten, war dass ich durch deren Musik das Gefühl bekam, Teile meines Inneren beleuchten zu können, an die ich sonst nicht rankam. Ich weiß noch, wie ich einmal in der zehnten Klasse in der Mensa saß und zwei Mitschüler sich über ihren Klassenraum und ihre Lehrerinnen in der Grundschule unterhielten. Ich sagte etwas wie: „Als ob Ihr das noch wisst, das denkt Ihr Euch doch aus.“ Ich hatte einfach immer angenommen, es sei ganz normal, sich nicht an seine Kindheit zu erinnern. yeule sagten vor kurzem in einem Interview, dass auch sie sich nicht an ihre Kindheit erinnern können – die Zeit sei einfach weggesperrt und komme höchstens ab und an durch Musik zurück. Das Phänomen des Glitchs, ein zentrales Motiv in yeules Werk, scheint im Gegensatz zu Sinatras My Way das Bedürfnis nach einem Bruch mit dem autobiografischen Kontinuum anzuzeigen: ein Wunsch nach aussetzender Erinnerung, nach Nichtfunktionieren.
Ein Glitch entsteht, wenn ein Programm eine Datei auf eine bestimmte Art lesen möchte und die Datei so enkodiert ist, dass dies nicht wie gewollt „passt“. Der Glitch liegt also in der Interaktion; er zeigt ein Missverständnis an, wie die dissonante Note in einer Tonleiter, das Brechen der geautotuneden Stimme oder ein psychiatrisches Symptom, was ein weiteres Themenfeld aus yeules Werk darstellt. Häufig geht es in deren Lyrics um depressives Mangelerleben, bed rotting, nicht-essen-Können oder nicht-essen-Wollen, die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und wie er von der Gesellschaft gesehen wird, die Flucht in Drogen oder in andere oder in die Selbstzerstörung, die Angst vor einer unbestimmt bedrohlichen Zukunft und einer unausweichlich passierten Vergangenheit.
Die My Way-Generation war eine Generation der Überlebenden. Sie hatten die Grausamkeiten der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts überstanden und wurden nun alt in einem Westen, der reich war an ökonomischen Aufstiegschancen für die kommende Generation. Überlebenden kommt stets die Aufgabe zu, die Geschichte ihrer Rückschau gefügig zu machen. Aus Jahrzehnten von unsinnigem Leid durch die Teilnahme an Kriegen, zu denen sie durch höhere Mächte gezwungen wurden, machten die verlorenen und stillen Generationen Hindernisse, die sie beim Beschreiten des höchsteigenen, selbstgewählten, freien Weges überwinden mussten.
Das junge Publikum von yeule hingegen sieht sich mit einer Welt konfrontiert, in der das größte Leid gerade an der Wohnungstür klopft, oder zumindest schon mal die Treppen steigt. Während Sinatras Bedrohung war, seine Geschichte nicht schreiben zu können, ist unsere, dass keiner da ist, sie zu lesen. Während für Sinatras Generation das Abgetrenntsein noch ein Wunsch nach Bewahrung der Individualität im Licht autoritärer Katastrophen war, ist das Abgetrenntsein für uns die gegenwärtige Katastrophe.
Hinzukommt, dass wir sehen, wie demokratische Strukturen abgebaut werden, Undenkbares sagbar wird, Kriege näherkommen und Bedrohungen für Millionen ignoriert werden. Der Zerfall der bisherigen Umstände, das Kriegsklima und ein absehbares Aussterben machen, wenn wir an sie denken, jede Bewegung ein klein bisschen behäbiger, als würde die Luft, durch die wir uns tragen, fester und echter und stellte sich uns in den Weg, egal welchen wir wählen.
Andererseits sind es auch Sehnsuchtsfantasien: ein kollektives Ende des nicht-apokalyptischen, individuellen Leids. Es gibt den Impuls, sich zu ergeben, sich einfach hinzulegen und die Augen zu schließen, bis bald alles vorbei ist. Es gibt aber auch den Impuls, zu feiern, frei und ohne Verantwortung zu leben und zu genießen, gerade weil bald alles vorbei ist.
Doch der Krieg ist vielleicht noch nicht bei uns, die Welt vielleicht noch nicht untergegangen. Und wir gehen also morgens zur Schule und zur Arbeit, ringen um einen Platz am immer kleiner werdenden Tisch und versuchen, uns trotz allem eine persönliche Zukunft auszumalen. Um das tun zu können, müssen wir den Glauben an die Zukunftslosigkeit, die Impulse zur Starre und zur losgelösten Freiheit von uns trennen und nach außen abgeben, ihnen einen eigenen, kleinen Platz in unserer Playlist einräumen, wo sie symbolisiert und in einem erträglichen Rahmen erfahrbar gemacht werden können.
Dieses Jahr im Juli ging ich wieder auf ein yeule-Konzert, diesmal in Berlin. Im ICE hörte ich auf Spotify das neue Album Evangelic girl is a gun rauf und runter und versuchte, mir die Lyrics zu merken. In meinem „Freund*innen-Feed“ sah ich, dass eine Freundin ihre Weinen-Playlist hörte, die sie immer anmacht, wenn sie sich traurig fühlt und die Tränen nicht von selbst kommen, und ein Freund hörte The Grants von Lana del Rey, ein anderer Deftones, eine andere You still believe in me von den Beach Boys.
Auf dem Album Evangelic girl is a gun geht es viel um das Thema Ruhm und wie man mit Ruhm umgeht, außerdem um Liebe und Begierde und Gewalt. yeule treten greifbarer auf, die Stimmen sind weiter vorne im Mix und weniger gefiltert, die Töne weniger korrigiert. Die Musik wirkt, als wäre ein Körper dahinter, während auf Glitch Princess noch der Eindruck entstand, eine Maschine ringe mit ihren menschlichen Zügen, oder ein Mensch mit seinen maschinellen. Wo auf Softscars betrauert wurde, nicht real genug zu sein, um lieben oder geliebt werden zu können, stellt Evangelic girl is a gun die Frage, ob nicht gerade die Realität Lieben und Geliebtwerden unmöglich macht.
Obwohl mir das Album gefiel, kam ich bei der Zugfahrt nach Berlin nicht umhin, mich nach einer früheren Epoche in yeules Karriere zu sehnen. Das neue Album hinterließ eine Enttäuschung, die sich aber nicht nur auf den Sound bezog, der mir weniger originell vorkam als die vorigen Alben. Die Enttäuschung war auch eine über das plötzliche Wahrwerden der Person und ihres Traums. Ich konnte mir yeule nicht länger vorstellen als den traurigen hikikomori: die Person, die monatelang nicht das Haus verlässt und ihre Verzweiflung in schwebende Klänge verwandelt. Das mit dem Midi-Piano in der Ecke des schwarzen Zimmers zusammengekauerte Kind in meinem Kopf hatte kein Korrelat mehr in der echten Welt, wo yeule nun auf den Billboards up in London strahlten. Etwas blieb zurück im schwarzen Raum und kauerte weiterhin dort, nun ein kleines Stück einsamer.
yeule sagten vor kurzem in einem Interview im Paste Magazine, dass sie früher nach traumatischen Erlebnissen vor dem Badezimmerspiegel geweint und zu sich selbst gesagt hatten: „This hurts so good, and you’re gonna write an incredible album out of this.“ Dieser Zugang öffnet einen weiteren Abgrund hinter dem Erlebten: die Frage danach, ob man dem eigenen Leid noch einen Wert geben kann. Mit Wert kann ein emotionaler, ästhetischer, aber auch ein monetärer Wert gemeint sein. yeule und andere Künstler:innen, die sich auf einen ästhetischen Umgang mit dunklen Gefühlen spezialisiert haben, stecken in der Zwickmühle, aus ihrem Leid Geld machen zu müssen, um weiter leben und leiden und Kunst aus ihrem Leid schaffen zu können.
2023 eröffneten yeule eine Seite auf Onlyfans, wo exklusiver Content gekauft werden kann. [1] 2024 schlossen sie die Seite und verkündeten auf Discord, sie hätten das Geld für Schulden und Arztrechnungen gebraucht. Seit einigen Monaten ist die Seite wieder online.
Als ich am Columbia Theater in Berlin ankam, fragte ich mich kurz, ob ich Blue Cat noch einmal begegnen würde. Ich hielt Ausschau, doch fand sie nicht in der Menge. Ich stellte mich diesmal relativ weit nach vorne; neben mir las ein Typ in meinem Alter auf seinem E-Reader das Cyborg Manifesto von Donna Haraway.
Als yeule später den Song The Girl Who Sold Her Face sangen mit den Lyrics: „I was finally a star“, fragte ich mich, ob nicht auch wir als Publikum eine Enttäuschung über den neu gefundenen Ruhm verdauten. In dem Interview bei Paste Magazine sagten yeule, dass dieser Blick in den Spiegel, das Hineingehen ins Leid, um daraus Musik zu schreiben, ein falscher Zugang zur Kunst war. Mittlerweile seien sie abstinent von Drogen, würden langsam ihre psychiatrischen Medikamente absetzen. Es entsteht ein Bild von Heilung nach langer Krankheit. Als The Girl Who Sold Her Face überging in What3vr, schämte ich mich plötzlich: Ich schaue hier einer Person jahrelang dabei zu, wie sie sich selbst zerstören, konsumiere deren Leid als mein eigenes und bin nun enttäuscht, wenn es ihnen bessergeht.
Und ich schämte mich für meinen Neid, dass sie das, was in ihnen und uns geschieht, so gut in Ton und Wort ausdrücken können. Ich dachte, dass ich das auch können muss: meinem eigenen Trauma, meinen blutigen Lippen und Langarmshirts und von-Zuhause-Ausreißen und weggesperrten Jahren eine Schönheit verleihen, an meinem Leid wachsen, daraus etwas schaffen muss, um es geschafft zu haben. Um nicht versagt zu haben.
Nachdem Don’t be too hard on your own beauty, zweifelsohne einer der verletzlichsten und rohsten und schönsten Songs von yeule, fertig gesungen war und sie sich von der Bühne verabschiedet hatten, schluckte ich ein paarmal. Ich wollte ein Gespräch mit dem Donna Haraway-Leser suchen und fragen, wie er das Konzert erlebt hatte, wie es ihm ging, was ihn an yeule bewegte. Ich fand ihn nicht mehr. Draußen vor dem Columbia-Theater sah ich eine kleine Gruppe, die sich um eine junge Frau kümmerte, welche auf den Treppen kauerte und weinte. Sie trug die Kette mit der Aufschrift: REVERIE. Ihr flossen zwei schwarze Mascarabäche die Wangen runter. Ein Mann kam mit einer Flasche Wasser, doch sie winkte ab und schluchzte weiter. Ihre Haare hatte Blue Cat mittlerweile schwarzgefärbt, passend zu yeule. Ich überlegte, mich dazu zu stellen und zu fragen, warum sie weinte, doch ich traute mich nicht recht und fuhr schließlich heim.
Vor ein paar Tagen wachte ich morgens auf und schaute auf mein Handy, was ich mir langsam mal abgewöhnen sollte, aber jedenfalls wurde mir direkt ein Video von einem Mann angezeigt, der in einem weißen T-Shirt auf einer Bühne saß und in ein Mikrofon sprach. Ein paar Meter vor ihm, hinter einer Absperrung, stand ein junger Mann mit Locken, der ebenfalls ein Mikro hielt. Ich klickte auf den kleinen Lautsprecher. Der Lockenkopf erzählte, dass vor kurzem in den USA ein Massenmord von einer Transperson begangen worden war, woraufhin das Justizministerium verkündet hatte, Transpersonen das Recht auf Waffenbesitz entziehen zu wollen. Der Mann im weißen Shirt sagte, dass er das ebenso sehe. Das Publikum klatschte. Der Lockenkopf fragte, ob der Mann im T-Shirt wisse, wie viele Massenerschießungen in den letzten zehn Jahren von Transpersonen verübt worden wären. „Zu viele.“ Das Publikum klatschte erneut. Daraufhin sagte der Lockenkopf, dass es fünf waren und fragte, wie viele Massenerschießungen es insgesamt in den USA in den letzten zehn Jahren gegeben hätte. Der Mann im weißen Shirt fragte, ob dazu auch Gang-Kriminalität zählte. Dann kippte sein Kopf zurück und eine groteske Menge Blut floss aus seinem Hals und es wurde geschrien und das Bild wackelte und ich schloss die App.
Später am Tag erfuhr ich, dass der Mann im weißen Shirt ein rechter politischer Aktivist namens Charlie Kirk war. Als einen Tag später ein Verdächtiger in seinem Mordfall festgenommen wurde, gab der Gouverneur von Utah, Spencer Cox, eine Pressekonferenz, in der er die Worte vorlas, welche der Verdächtige auf Patronenhülsen geschrieben hatte, darunter OwO und If you read this you are gay lmao. Gouverneur Cox stand ins Gesicht geschrieben, dass ihm diese Formulierungen ein Rätsel waren. Kurz vor Ende seiner Rede riet er den zuhörenden jungen Personen, sich vom ständigen Informationsfluss im Internet fernzuhalten: „Log off, turn off, touch grass, hug a family member.“
Diese Aussage wurde tags darauf von Nathan Pemberton in der New York Times aufgegriffen als Zeichen einer Zeitenwende; Charlie Kirks Ermordung stelle endgültig klar, dass eine Unterscheidung in echte und digitale Welt nicht mehr haltbar sei. Weiter sei dieser Zusammenbruch der Grenze zwischen digitaler und echter Welt undenkbar, ohne das Gefühl von Chaos und Zerfall zu berücksichtigen, welches die Gegenwart dominiert. Wo es wirkt, als würde alles zusammenbrechen, will man nicht mehr sein, will man fliehen. Und wenn es keinen physischen Fluchtort gibt, an dem man sich eine Zukunft vorstellen kann [2], wirkt nichts verständlicher, als einen virtuellen zu wählen.
I was always called a robot for being so-called emotionless, even though I have complex emotions. I just don’t show them. I’ve dealt with a lot of depression, self harm, and other things in my life that Yeule talks about frequently in their songs. I found yeule’s cyborg persona a comfort because thats how I’ve felt my whole life, and how people view me. Glitch Princess specifically really helped heal me, this cyborg with feelings, just trying to be ok. (418_lm_a_teapot_)
Das Gefühl von Entfremdung der japanischen Jugend wurde von vielen Künstler:innen während der verlorenen zwanzig Jahre thematisiert [3]. Eine der originellsten Stimmen darunter ist die von Shunji Iwais All About Lily Chou Chou (2001). Iwai ist mein Lieblingsregisseur [4], seitdem ich einmal im März 2019 einen Post auf Instagram mit einem Clip seines Kurzfilms Picnic (1996) fand und ihn am selben Nachmittag nach der Schule auf YouTube schaute. In Iwais Werk geht es häufig um die verschiedenen Rollen, die wir je nach Kontext in Beziehungen spielen: ob krank oder gesund (Undo, 1994; Picnic, 1996), arm oder reich (Swallowtail Butterfly, 1996), virtuell oder Angesicht zu Angesicht (Love Letter, 1995; All About Lily Chou Chou, 2001; A Bride For Rip Van Winkle, 2016). Gleichzeitig geht es häufig um das Thema von einer Kindheit oder Jugend, die bereits verloren wirkt, bevor sie überhaupt gelebt wurde.
All About Lily Chou Chou handelt von einer Gruppe Jugendlichen aus einer ländlichen Gegend nahe Ashikaga um die Jahrtausendwende. Der Protagonist Yuichi ist zu Beginn der High School-Zeit Teil einer engen Freundesclique, die den ökonomischen Unsicherheiten der späten 90er mit Zusammenhalt und Humor zu trotzen versucht. So stehlen die Jungs etwa Geld von einem reichen Porsche-Fahrer, um sich zum ersten Mal einen Urlaub leisten zu können. Mit den Jahren löst sich die Gruppe allerdings auf, da einer von ihnen, Hoshino, Gefallen daran findet, die Kinder auf der Schule zu quälen, zu mobben und zu erpressen, darunter auch Yuichi. In der High School sind, passend zu den Debatten um das rohe Klima unter japanischen Jugendlichen zu dieser Zeit [5], körperliche, psychische und sexuelle Gewalt an der Tagesordnung. Yuichi wird dieser Gewalt von Hoshino ausgesetzt und andererseits gezwungen, sie gegenüber anderen auszuüben.
Für Hoshinos Wandel vom introvertierten Musterschüler zum Gewalttäter werden verschiedene Erklärungen von den Figuren angeführt: Seine Eltern haben sich scheiden lassen, die Firma seines Vaters ist bankrott gegangen, er wurde in der Grundschule gemobbt, er wäre einmal bei einem Schwimmunglück beinahe ertrunken. Der Film nimmt jedoch nie eine Psychologisierung vor, um diese Hypothesen als etwas anderes zu rahmen, als sie sind: Vermutungen, die mehr aussagen über das Bedürfnis, eine Erklärung zu finden, als über das eigentlich zu Erklärende. Hoshinos Charakterentwicklung sprengt den Rahmen, negiert ein von klassischer Filmdramaturgie gefordertes Kontinuum. Dabei wird jedoch nicht einfach die Suche nach einem Grund lächerlich gemacht. Wir erfahren die Komplexität von Hoshinos Charakter durch den Teil seiner Person, den er online zeigt, im Kontrast zu seinem Verhalten in der „echten“ Welt.
Yuichi sucht auch nach einem Ausbruch aus dem Kontinuum, das für ihn vorgeschrieben scheint. Er fühlt sich fremd in seiner Familie und kann keinen Sinn darin finden, sich für die Schule anzustrengen. Er bemerkt, wie er im Angesicht der erlebten Gewalt abstumpft, keine Gefühle spürt, und versteht nicht, warum er weiterleben soll, wenn alles schlechter zu werden scheint und die besten Tage bereits hinter ihm liegen. Das Einzige, was ihm Trost spendet, ist die Musik von Lily Chou Chou. Diese fiktive Band, die absichtlich für den Film gegründet wurde und tatsächlich ein Album veröffentlicht hat, findet eine gigantische Resonanz unter Teenagern in Yuichis Alter. Die Musik von Lily gibt Yuichi das Gefühl, zu schweben, das für ihn gebahnte Leben für die Länge eines Songs verlassen zu können. Er gründet ein Online-Forum für Lilyholics, die Fans der Band, und postet dort unter dem Alias BlueCat. In das Forum schreiben Fans über ihre Liebe zu Lily, tauschen sich unter Pseudonymen über die Musik aus und bilden immer mehr eine eigene Community. Die Plattform, die Lily ihnen für ihre Gefühle bietet, nennen sie Ether.
Nutzende posteten über das Gefühl, das die Musik von yeule ihnen gab. Oder über Schmink- oder Kleidungsstile aus Musikvideos, die sie nachstellen wollten. Bald entstand eine Community von Menschen, die sich untereinander kannten und bei Konzerten trafen. Sie vernetzten sich außerdem im Discord-Server Cyber Dimension.
Shunji Iwai verwendete die anonymen Beiträge des Lilyholic-Forums für seinen Film All About Lily Chou Chou. Weitere der Posts wurden in Buchform veröffentlicht. Darin findet sich u.a. eine Person, die angibt, durch den Song Arabesque Erinnerungen an einen Urlaub auf Okinawa in deren Kindheitszeit zurückgewonnen zu haben, welche sie für verloren gehalten hatte. Ihre Eltern hätten sich während des Urlaubs häufig laut gestritten und sie hätte Angst vor der betrunkenen Wut ihres Vaters gehabt. Der Song machte diese Erinnerung, so schrieb sie, mit einem Mal ertragbar.
An einem Nachmittag im September 2023 kam ich gerade von einer schwierigen Therapiestunde zurück und musste durch eine Menschenmenge zu meiner Bahnstation gehen. Meine Therapeutin war mit mir eine verblasste Kindheitserinnerung durchgegangen, eine Gewalterfahrung, in der ich mich selbst, nun als Erwachsener, schützend vor mich als Kind im damaligen Zimmer stellen sollte. Das Ganze war sehr aufreibend und mir war etwas unwohl, als ich mich plötzlich von den vielen Menschen auf der Straße umgeben fand. Ich hatte einen Ohrwurm von Sulky Baby und öffnete mein Handy und fand einen Post im Subreddit zu einem neuen yeule-Interview im Magazin The Line Of Best Fit. Ich las es auf meinem Bildschirm und schaute nur ab und zu hoch, um niemanden anzurempeln. Im Interview sprachen yeule darüber, selbst in einer Therapie ihre verlorenen Erinnerungen bearbeitet zu haben.
I chose to believe that I had no memories before the age of nine, but through visualisations over the last few months in therapy, I finally had an epiphany – and I found a lot of peace. You find out that child never leaves you.
Momentan wird in Deutschland diskutiert, die Wehrpflicht wieder einzuführen. Also, so halb. Die Wehrpflicht war nie wirklich abgeschafft worden, jedoch seit 2011 ausgesetzt, sodass die Jahrgänge ab 1993 nicht mehr zum Bund mussten. Das kürzlich beschlossene Gesetz des Verteidigungsministers Pistorius stellt ein Modell vor, das grundlegend auf Freiwilligkeit beruht, jedoch im Bedarfsfall von zu geringem Rücklauf eine Pflichteinberufung der Jahrgänge ab 2008 einschließt. 1993 bis 2008 sind somit die neuen weißen Jahrgänge, wie man früher zu den Jahrgängen 1927 bis 1937 sagte, die zu jung für eine Musterung im NS-Staat und zu alt für eine in den neu gegründeten deutschen Staaten waren.
Der Vorschlag der Bundesregierung ist das Resultat einer längeren Debatte, die vor allem durch den russischen Angriff auf die Ukraine relevant wurde, sich jedoch in einen längeren Trend der Wiederaufrüstung des Westens einreiht. Als in Berlin über den neuen Plan zum Wehrdienst beraten wurde, war ich gerade im Rahmen meines Studiums als Praktikant in einer psychiatrischen Klinik eingesetzt. In einer Gruppentherapie wurde das Thema der Militarisierung und die Angst vor einem Krieg von Patient:innen angesprochen. Ein älterer Arzt auf meiner Station sagte, dass dieses Thema schon früher häufig eine Quelle für seelisches Leid bei jungen Menschen gewesen sei, und nun wohl wieder mehr aufkommen würde.
Ich musste an diesem Tag an ein Buch von Oskar Maria Graf namens Wir sind Gefangene denken. Graf war ein deutscher Schriftsteller, der sich als junger Mann im künstlerisch-anarchistischen Milieu von München umtrieb, ehe er zum Wehrdienst im ersten Weltkrieg eingezogen wurde. Hier entging er dem Kämpfen mit der Waffe durch Hungerstreik oder indem er sich auf allerlei Art verrückt stellte, zum Beispiel lachte er ununterbrochen oder legte unmissverständliche Befehle völlig absurd aus. In einer Szene wird Graf von einem Arzt untersucht, der ihn zur Vernunft bringen soll und ihm sagt:
David wurde 1997 geboren. Schon als Kind interessierte er sich für Kunst, für Poesie und Theater. Er besuchte die katholische SJI International High School in Novena nahe der Circle und Northern Line. Dort werden Fächer in mehreren Sprachen unterrichtet und ein Fokus auf international anerkannte Abschlüsse gesetzt. Viele der Absolvent:innen gehen später auf renommierte Universitäten im Ausland wie Oxford oder Harvard. Neben der Schularbeit in diesem sehr kompetitiven Umfeld fand David Zeit, Gedichte und Theaterstücke zu schreiben, in denen er sich mit den für ihn wichtigen Themen beschäftigte, z.B. der Lage von Rechten für queere Personen in Singapur. 2014 nahm David an einem Wettbewerb für Theaterskripte teil und gewann den zweiten Platz in der Jugendkategorie für sein Stück Piety, welches sich mit Themen wie Scheidung und Geschlechtsidentität beschäftigte. David schrieb Gedichte auf Englisch, die er unter anderem an seine Freund:innen aus der Schule adressierte. Den Abschluss bestand er als einer der Jahrgangsbesten. Sein Plan war, danach in die USA oder nach England zu gehen, um Theater- oder Literaturwissenschaften zu studieren.
Zunächst stand jedoch der Wehrdienst an. 1967, als Frank Sinatra gerade den Weg des Einzelnen auf der Warner Bros.-Bühne besang, wurde eine allgemeine Wehrpflicht für 18-jährige Männer in Singapur eingeführt, die einen in der Regel zwei Jahre dauernden Militärdienst vorsieht. Junge Männer, die sich diesem Wehrdienst entziehen, werden häufig mit mehrjährigen Gefängnisstrafen belastet.
Ich habe David nie gekannt und weiß nicht, ob ich überhaupt die Möglichkeit gehabt hätte, ihn kennenzulernen. Es gibt keine Profile auf sozialen Medien mehr von ihm, obwohl er anscheinend mal eine tumblr-Page hatte, deren letzter Post ein Meme war [7]. Übrig bleiben ein Trauerpost des SJI-Facebooks und eine Nachrufseite seines Vaters, die bis heute aktualisiert wird. Während ich das hier schreibe, beginnt der neueste Post damit, dass dieser Monat, der September 2025, der hundertfünfzehnte Monat ist, seit David ihn verlassen hat. Auf der Seite schreibt Davids Vater, sein Sohn habe mit dem Suizid ein Zeichen gegen Militarismus und staatliche Unterdrückung setzen wollen.
Im selben Jahr, als David sich das Leben nahm, zogen yeule nach London, um am Central Saint Martin’s College zu studieren. yeule und David waren seit dem letzten Jahr der High School befreundet gewesen. yeule sind nichtbinär, in den Augen des singapurischen Staates jedoch eine Frau, weshalb sie keinen Wehrdienst leisten mussten. Am elften Dezember 2016 veröffentlichten sie die EP Pathos, deren sechs Tracks eine immense Weiterentwicklung zur vorigen EP yeule (2014) darstellten, was Sounddesign und Texte betrifft. Auf Songs wie Angel’s Wings oder About Her finden sich zum ersten Mal die schwebende Qualität sowie das Gefühl des versteckten Organischen hinter einer digitalen Oberfläche, worauf sich in folgenden Projekten weiter fokussiert werden würde. yeule widmeten die Pathos EP ihrem verstorbenen Freund David.
In einem Interview von 2019 mit dem Magazin Dazed beschrieben yeule, früher darüber nachgedacht zu haben, wie sie mit im Voraus geplanten Posts weiter für ihre Bekannten im Internet am Leben bleiben könnten, während ihr Körper schon lange tot wäre.
Die Nachrufseite von Davids Vater zu lesen, hinterlässt ein unheimliches Gefühl. Einerseits den Eindruck, man würde eine Grenze überschreiten, indem man sich mit dem Tod dieses Jungen beschäftigt, den man nicht kannte und dem man vermutlich nie begegnet wäre. Andererseits entsteht eine Art intime Bindung und der Gedanke, diese Person zu verstehen, Gemeinsamkeiten zwischen ihr und dem eigenen inneren Teenager zu finden – die Vorstellung eines Gegenübers, das da ist und einen begreifen könnte, obwohl es natürlich gerade nicht da ist, oder nur wegen seiner Abwesenheit vorhanden. Gleichzeitig kommt ein Misstrauen auf, ob man nicht in die Irre geleitet wird, da David seine Geschichte nicht selbst erzählt. In einem Interview mit Hearing Things sagten yeule, Davids Beerdigung sei von seiner konservativ-katholischen Familie ausgerichtet worden und yeule hätten währenddessen gedacht: „He would have wanted this to be a party.“
Am 23. August 2016 postete Davids Vater einen Beitrag auf der Nachrufseite, der sich an Davids Freundeskreis richtet. Unter den Adressierten findet sich auch yeules bürgerlicher Vorname. Die Familie bedankt sich für die Unterstützung in der schweren Zeit nach Davids Tod. Der Beitrag endet mit einem Gedicht von David namens A Wedding:
To cast gilt glances, meek moonlit dew
Of the pale palled eye of last night’s fold.
Then, your kisses rested like petals
Asleep they tumbled and crumpled –
Crushed under God’s caustic creed.
Now, your breathing warmly lulls
And we bathe in rising rays that flush
Like a wave, a babble on a gurgled cull
How we melt in love again, stark blush,
Wind swept, stoking fire in that empty hearth
A gush when we plunged, electric brush
Of the brimming dawn, midnight’s lover –
Our promise born of misery finally swells.
Neun Jahre nach Pathos findet sich auf dem neuesten Album Evangelic Girl is a Gun ein weiterer Song, der sich mit Davids Geschichte beschäftigt. Das Lied 1967 handelt von zwei Personen, die durch die Eingriffe höherer Institutionen voneinander getrennt werden. Die singende Stimme muss warten, bis sie aus einer psychiatrischen Anstalt entlassen wird. Der Junge, über den sie singt, träumt davon, mit ihr dem Zwang des drohenden Militärdienstes zu entfliehen. Unter einen Post vom 10. Juni 2025, wo yeule den Song sangen, schrieben sie:
Although it wasn’t the entire reason he did what he did, I know it contributed to it. I am sorry you had to wilt and rot from the mandates of militarisation. We will all inevitably wilt from the scythes of war. RIP & I love you forever until the end of the ether.
Fußnoten
[1] Wenn man Berichten aus dem Internet traut, konnten hier eine ASMR-Audioaufnahme für 80 $, der Eintritt in einen „slave club“ inkl. Nacktvideos und Erniedrigung für 200 $, ein Song-Cover für 300 $ und ein getragenes Nippelpiercing für 2000 $ erworben werden. [Zurück nach oben]
[2] Auf Instagram ergänzte Pemberton am 15. September: „Even if Robinson’s motives are shrouded in ironic layers and black pilled beliefs this is the end station of the far-right political project: death, despair, atomization, brute force, and a refusal to imagine the future in positive terms.“ [Zurück nach oben]
[3] z.B. in Battle Royale (Koushun Takami, 1999), Suicide Circle (Sion Sono, 2001), Homunculus (Hideo Yamamoto, 2003-2011), Nobody Knows (Hirokazu Koreeda, 2004), Noriko’s Dinner Table (Sion Sono, 2005), Geständnisse (Kanae Minato, 2008), Heaven (Mieko Kawakami, 2009), River’s Edge (Isao Yukisada, 2018). [Zurück nach oben]
[4] Anscheinend teilen yeule diese Vorliebe, da sich in deren Werk über die Jahre eine Menge an Referenzen auf Iwai angesammelt haben, z.B. der Schmetterling auf der Gitarre in Blue Noise sowie der Song Blue Butterfly (Referenz auf Swallowtail Butterfly), der Kurzfilm Ether (2022) sowie die Benennung der Produktionsfirma Ether Eternal (Referenz auf All About Lily Chou Chou), das Fliegen von schwarzen Federn nach einem Kopfschuss im Video zu What3vr (Referenz auf Picnic) oder das Cover von Fish In The Pool auf Softscars (Referenz auf Hana and Alice). [Zurück nach oben]
[5] Tatsächlich wird die Busentführung in Hiroshima in den ersten Minuten des Films als Medienphänomen aufgegriffen, jedoch nicht kommentiert. [Zurück nach oben]
[6] Im Buch Walking In My Son’s Footsteps, das Davids Vater später schrieb, findet sich eine aus Davids Notizen zitierte Passage über ein Gespräch mit einem Militärpsychiater (S. 158ff.), die der oben zitierten Passage aus Grafs Wir sind Gefangene erschreckend stark ähnelt. An einer anderen Stelle wird erwähnt, dass Davids offene Selbstverletzungswunden von niemandem in der Schule angesprochen wurden. [Zurück nach oben]
[7] Ich habe mehrfach die T:>Works Transdisciplinary Performance Company in Singapur angeschrieben, in deren Kompendium 2014 Davids Stück Piety erschien, jedoch leider keine Antwort erhalten. Im Buch Walking In My Son’s Footsteps sind einige weitere Gedichte von David abgedruckt. [Zurück nach oben]
„Shut Away In Me“ ist wahrscheinlich weniger ein Essay als eine Theorie-Fiktion. An manchen Stellen habe ich mehr Wert auf den Ton als auf die Fakten gelegt. „Never let the truth get in the way of a good story“ und so. So wurde z.B. My Way nicht 1967 geschrieben, sondern erst Ende 1968. Solche Inkonsistenzen passten für mich zum Text. Wer sucht, kann noch mehr davon finden. Ich habe jedoch darauf geachtet, mich bei sensiblen Themen wie gegen Ende des Textes bestmöglich an die „Fakten“ zu halten, wie sie in den Quellen dargestellt wurden.
Im Folgenden liste ich eine Auswahl an Bild-, Text- und Tonquellen in alphabetischer Reihenfolge auf – darunter auch eher inspirative Quellen, von denen ich keine inhaltlichen, sondern eher formale Elemente übernommen habe.
Alle Artikel von der Seite hier: https://www.yeule.jp/press
Blue Bad Tracking. (2021, March 12). VHS EFFECT OVERLAY Royalty Free Footage [Video]. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=ONryvb4UCA0
Briz, N. [Nick Briz]. (2011, February 23). Glitch Codec Tutorial [glitch art demo] 1/6 [Video]. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=hOemlx2sBIo
Chowdy [@chowdy2108]. (2020). Music For the Internet Age: Yeule & Sewerslvt | Chowdy [Video]. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=WBdrIoUY12Q.
Cox, S. (2025, September 10). Press conference on the killing of Charlie Kirk [Video]. Utah Governor’s Office. https://www.youtube.com/watch?v=WNWEwyPTh_M
Cyber Dimension auf Discord
Diskographie von yeule (obviously)
Filmographie von Shunji Iwai, v.a. All About Lily Chou Chou (2001) sowie das Making-Of.
Graf, O. M. (2018). Wir sind Gefangene: Ein Bekenntnis. Aufbau Verlag.
Hölderlin, F. (1992). Hyperion, oder der Eremit in Griechenland (J. Schmidt, Hrsg.). Reclam.
https://thinktosee.tumblr.com/
https://www.dazeddigital.com/music/article/46603/1/yeule-musician-serotonin-ii-interview
https://www.hearingthings.co/yeule-on-the-music-they-want-to-soundtrack-their-funeral/
https://www.instagram.com/ntp.fyi/?hl=de
https://www.nytimes.com/2025/09/14/opinion/charlie-kirk-shooting-internet.html
https://www.pastemagazine.com/music/yeule/the-letters-of-yeule
https://www.spiegel.de/politik/unsichtbare-existenz-a-37968ecb-0002-0001-0000-000008725412
https://www.thelineofbestfit.com/features/interviews/yeule-scars-memory
Iwai, S. (2015). Fish in the pool [Song]. On H & A. Rockwell Eyes. https://music.apple.com/us/song/fish-in-the-pool/962577658
Kore-eda, H. (Director). (1996). Without Memory [Film]. NHK Enterprises.